prof. victor malsy

texte


victor malsy

versuch über die vergänglichkeit


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drei bücher in den formaten 92 x 205mm und 138 x 225mm und 184 x 265mm / drei bücher mit 159 und 171 und 435 todesanzeigen aus überregionalen deutschen tageszeitungen / drei bücher mit 765 todesanzeigen aus den jahren 1982 bis 2008

die kleinste todesanzeige misst 21qcm die größte 480,5qcm / der trauerrand ist immer schwarz / die schrift kommt in 75% der todesanzeigen aus der antiquafamilie / schriftgrössen zwischen 18 und 28 punkt gesetzt / die schriftgrössen 14 und 42 punkt finden sich in wenigen ausnahmefällen / die hinterbliebenen folgen in schriftgrössen zwischen 12 und 16 punkt / der lauftext folgt in schriftgrössen zwischen 9 und 12 punkt je nach länge / der name des verstorbenen wird mehrheitlich in den schriftschnitten normal oder regular gesetzt / die schriftschnitte kursiv leicht und fett werden sehr selten verwendet / der name des verstorbenen in gemischter schreibweise ist die regel / der name des verstorbenen in versalien oder kapitälchen ist die ausnahme / die mittelachse bestimmt das satzbild der todesanzeigen / der linksbündige flattersatz ist die ausnahme

die todesanzeige als abschiedsgruß / die todesanzeige als bekanntmachung / die todesanzeige als familientreffen / die todesanzeige als inszenierung / die todesanzeige als lobeshymne / die todesanzeige als politisches kampfmittel / die todesanzeige als unternehmerische selbstdarstellung

wir trauern um / wir trauern um den von uns hochverehrten / wir trauern um den großherzigen mäzen / wir trauern um unseren ehemaligen vizepräses / wir trauern um unseren ehrenvorsitzenden / wir trauern um unseren aufsichtsrat / wir trauern um einen herausragenden fußballtrainer / wir trauern um unseren geliebten vater schwiegervater und großvater / wir trauern um meinen geliebten mann meinen herzensguten vater schwiegervater und großvater / wir trauern über den plötzlichen tod unseres amtierenden bundesgeschäftsführers / wir trauern und nehmen abschied von / wir trauern um unseren gründer / wir trauern um den gründer und geschäftsführenden gesellschafter unseres unternehmens / wir trauern um den gründer unseres verlags / wir trauern um unseren firmeninhaber / wir trauern um unseren seniorchef / wir trauern um unseren freund und nachbarn / wir trauern um den dichter / wir trauern um unseren autor / wir trauern um den großen künstler und freund / wir trauern um eine einmalige herausragende persönlichkeit / wir trauern um einen menschen dem wir sehr viel zu verdanken haben / ich trauere um einen guten freund / die rhein-mainischen augenärzte trauern um ihr ehrenmitglied / die deutsche gesellschaft für politikwissenschaft trauert um ihr vorstandsmitglied / die deutsche akademie der darstellenden künste trauert um ihren vizepräsidenten / wir geben nachricht vom tode von

abdul alfons annemarie agnes albrecht alice armin alexander albert arno antonius bernd bernhard bettina brigitta christa carl-friedrich cornelia christian clemens claus charles dietrich dietmar dorothea dieter dietrich-peter dominique eckhard edgar edda elise erika emmerich eckhard ehrenfried erhard erwin ernst elisabeth emmy fritz friedhelm friedrich-wilhelm felix frank friedrich-karl georg george gert gerd gisbert gisela gotthard günther günter hartmut hartmuth hermann heide-rosemarie helmut harald hans heinz hellmut hellmuth hilda hugo hans-peter hildegard horst hans-henning herbert hans-joseph hilbert ilse irmgard johann jo jupp jürgen johannes josef jörg joseph jochen jens joachim kurt klaus-dieter klaus karl karl-heinrich kuno konrad luise lois linda matthias martin maria marianne manfred margarete marie-luise max mario michael otto paul peter petra ruth rolf rudolf-maria roland reinhard rainer rixa raden rudolf robert renée reiner rolf siegfried stefan sieglinde sandra theo timo thomas ulrich uwe ursula valentin walter werner willi willy waldtraut wolfgang

in dankbarkeit / in dankbarkeit und verehrung / in dankbarkeit und zuneigung / in tiefer dankbarkeit und verbundenheit / in großer dankbarkeit / in großer dankbarkeit und erinnerung / in dankbarer erinnerung / in liebe / in liebe für immer / in liebe und dankbarkeit / in liebe und trauer / in liebe und stiller trauer / in stiller trauer / in tiefer trauer / in tiefer trauer über den viel zu frühen tod / in tiefer trauer liebe und dankbarkeit für viele glückliche jahre / in stillem gedenken / in tiefem respekt an andenken / in unendlicher liebe

wir werden sein andenken in ehren halten / wir werden sein andenken stets in ehren halten / wir werden der verstorbenen ein ehrendes andenken bewahren / wir werden dem verstorbenen ein ehrendes andenken bewahren / wir werden ihm stets ein ehrendes andenken bewahren / wir werden dich vermissen / wir werden ihn als vitalen lebensbejahenden menschen stets in unserem herzen bewahren / wir werden das unternehmen in seinem sinne fortführen / wir sind dem verstorbenen in tiefer dankbarkeit verbunden / wir sind ihm zu großem dank verpflichtet und werden ihn sehr vermissen / wir danken ihm und werden ihn nicht vergessen / wir danken ihm für alles und werden sein werk fortsetzen / wir verlieren einen großartigen menschen / wir haben einen streitbaren freund verloren / wir sind dankbar und traurig / wir empfehlen die seele des verstorbenen dem gebet der gläubigen und der priester am altar

die trauerfeier wird am montag gehalten / die beerdigung findet am montag statt / gottesdienst am montag mit anschließender beerdigung / eine heilige seelenmesse wird am montag gelesen / die trauerfeier findet statt am dienstag / die heilige messe wird am dienstag gehalten / das seelenamt findet am dienstag statt / beerdigung ist am dienstag / ein gedenkgottesdienst findet am mittwoch statt die beisetzung erfolgt am mittwoch / requiem am mittwoch / die beerdigung findet am donnerstag statt / die trauerfeier mit anschließender beisetzung findet am donnerstag statt / der trauergottesdienst findet am freitag statt / die feuerbestattung findet am freitag statt / die trauerfeier findet am samstag statt / das feierliche requiem mit anschließender beisetzung in der familiengruft findet statt / die feierliche abdankung findet statt / die trauerfeier zur einäscherung fand in aller stille statt / die beerdigung findet im engsten familienkreis statt / die beisetzung hat im familienkreis stattgefunden / die urnenbeisetzung findet im familien- und freundeskreis statt / die urne wird anschließend ins meer versenkt / auf wunsch des verstorbenen findet die beisetzung in aller stille statt / ihrem wunsch entsprechend haben wir in aller stille abschied genommen / auf eigenen wunsch fand die beerdigung in aller stille statt


erstveröffentlichung in: interventionen V, „abfall“ herausgegeben von michel sauer universität siegen, department kunst und musik. ISBN 978-3-942810-12-8

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victor malsy

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eine wortcollage


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buch ist alles was ich zum buch erkläre und die unesco-definition festgelegt für statistische zwecke wonach ein buch eine nichtperiodische publikation mit einem umfang von 49 seiten oder mehr sei schreibe ich in den wind der mir die seiten meines buches umblättert wenn ich nicht in meinem lesesessel sitze in dem ich vor jahren zu meiner lesekompetenz fand spät aber nicht zu spät von neugierde und lust auf das fremde getrieben um der geistigen enge des elternhauses zu entfliehen weil denken überschreiten heisst und lesen geistiges wandern in einem fremden kopf um den text des autors zu vollenden da nach joseph conrad der autor nur das halbe buch schreibt und die andere hälfte der leser übernehmen muss und so kann ich frei nach paul valéry sagen wie ich es auch anstelle seit ich lese interessiert mich alles auch wenn das dann mit lesefreude nicht immer etwas zu tun hat lesen war ist und bleibt für mich geistige arbeit mit vielen heiteren momenten und lichtblitzen wenn mir bewahrtes wissen vermittelt wird und das geschieht heute auch selbstverständlich am bildschirm ohne dem buch nachzutrauern denn die bücher diese grossen und kleinen diese dicken und dünnen diese schweren und leichten diese ruhenden und stehenden körper auf dem tisch im regal sind mir zum wichtigen lebensmittel zum leidenschaftlichen sammelobjekt geworden die ich auch ins bett mitnehme weil die nacht ist nicht allein zum schlafen da die nacht ist da dass was geschieht auch auf die gefahr hin den studierenden am nächsten morgen wirres und unverdautes vorzutragen denn nicht immer habe ich alles nach der ersten lektüre verstanden aber darauf kommt es auch nicht an lesen ist da kommt es schon wieder arbeit am geist der sich immer weiter bilden will und zum glück ist der kopf rund damit unsere gedanken nicht im dreieck springen müssen punkt


2013

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victor malsy

vier antworten auf vier fragen von doc, dem Magazin der Fakultät für Design an der Hochschule München.


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Was verbinden Sie mit dem Begriff „Unruhe“ in Bezug auf Design?

Unruhe kann ich ohne Unordnung nicht denken und beide finden sich immer in Kopf, Hand, Herz und Knie. Unruhe & Unordnung sind mir liebe Freunde, nicht nur in Bezug auf Design. Immer wieder treiben beide ihr Unwesen mit mir. Sie sind es, die zusammen mit der Neugierde mein Schaffen antreiben.


Ruhe kann ich ohne Ordnung nicht denken und beide finden sich immer in Kopf, Hand, Herz und Knie. Ruhe & Ordnung sind mir liebe Freunde, nicht nur in Bezug auf Design. Immer wieder zeigen mir beide ihr Wesen. Sie sind es, die zusammen mit der Neugierde mein Schaffen antreiben.

 

Wie wichtig ist Veränderung in der Arbeit eines Gestalters?

John Cage ist mir, was Veränderung angeht, ein wichtiger Stichwortgeber: „Ich kann nicht verstehen, warum Menschen vor neuen Ideen Angst haben. Ich habe Angst vor den alten.“ Ich komme aus Froschhausen, einem kleinen hessischen Dorf. Unter anderem hat der hessische Dialekt meine Sprache und mein Sprechen viele Jahre bestimmt und mein Denken und meine Vorstellung von Welt massgeblich geprägt. Dieses Dorf in jungen Jahren zu verlassen war der wohl grösste und wichtigste Schritt in meinem Leben. Eine Veränderung von umwälzendem Ausmass. Meine drei Berufe – Bauzeichner, Krankenpfleger und Gestalter – zeugen von dieser Suche nach Veränderung, von dieser Suche nach dem Anderen, Fremden und Unbekannten.


Muss sich Design auch um gesellschaftliche Themen kümmern?

Will Design von Erika und Max Mustermann ernst genommen werden, muss es Sinn stiften und Sachverhalte erklären. Will Design nur Design sein, kann es weiterhin Purzelbäume schlagen. Ein Pionier in Sachen Design und gesellschaftlicher Verantwortung war Victor Papanek. Zu Beginn der 1960er Jahre erkannte er bereits die Bedeutung der sozialen und ökologischen Verantwortung im Design. In seinem 1970 erschienenen Buch „Design for the Real World“ (1972 in der Nymphenburger Verlagshandlung unter dem Titel erschienen „Das Papanek-Konzept. Design für eine Umwelt des Überlebens.“) forderte er ein Design, das als „neuartiges, schöpferisches, alle Wissenschaften umfassendes Werkzeug (…) den wahren Bedürfnissen des Menschen gerecht wird.“


Woran liegt es, dass Gestalter Design häufig überbewerten?

Gestalter sitzen zu selten im Zen-Garten Ryoanji und zählen die Steine. Sie braten wohl auch zu häufig im eigenen Saft und schmecken sich dabei gerne selbst ab. Etwas intelligenter ausgedrückt könnte man sagen, dass Gestalter bei ihrem Ringen um Anerkennung als ‚Designer-Künstler‘ sich und ihre Arbeit einfach zu wichtig nehmen. Gestalter operieren nicht am offenen Herzen.


13.01.2013

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victor malsy

16,5 – 24 – 4,5


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oder 16,5 – 24 – 5 oder 16,5 – 24 – 5,5 oder 16,5 – 24 – 4. bücher von lars müller publishers tragen diese maße. ob „miniatur und panorama“, „das gesetz und seine visuellen folgen“, „das buch der menschenrechte“ oder „ruedi baur intégral and partners“: bücher von lars müller publishers sind eine visuelle, haptische und intellektuelle freude vom feinsten, ein fest für auge, hand und geist. jedes der bücher ist sorgfältigst editiert – das ist heute nicht mehr selbstverständlich. jedes der bücher steht frei und ohne Stütze auf dem tisch – der verleger könnte uns damit sagen wollen: die geister haben in diesen büchern ihre körper gefunden. gemeinsam, nebeneinander im regal stehend, bilden sie mit ihren körpermaßen ein bollwerk gegen visuelle beliebigkeit und geistiges mittelmaß. „miniatur und panorama“ wurde im november 2006 von der jury der stiftung buchkunst als eines der schönsten deutschen bücher ausgezeichnet. das ist gut so.

in über 1.000 abbildungen auf 576 seiten stellt es das international viel beachtete büro des landschaftsarchitekten günther vogt vor. ganz im sinne eines „visual readers“, wie lars müller seine bücher verstanden wissen will, führt das buch durch die landschaftsbauten der jahre 2000 bis 2006 in europa und den usa. wir spazieren durch landschaften, parks und gärten; wir besichtigen plätze, höfe und innenräume; wir halten inne auf friedhöfen. bei all dem lässt sich im detail, im kleinen das ganze erkennen: „wer im wald einen bemoosten stein umdreht, wird auf der unterseite erde, würmer und insekten finden.“ wir erinnern uns.

„miniatur und panorama“ ist „mehr als das aufzeigen des vorgefundenen“, ist weit mehr als eine werkmonografie in text und bild. „miniatur und panorama“ führt wissenschaft, kunst und gestaltung zu einem ganzen zusammen. fotoserien zeigen „die buche unter dem mikroskop“, „die reise der bäume“, „wolkenbilder der schweiz“ oder 15 birkenstämme. famose material- und naturstudien. dabei wechseln die abbildungen zwischen groß und klein, zwischen farbe und schwarz/weiß. das ist gekonnte buchdramaturgie. kleine und kleinste abbildungen (2,8 – 2) im wechsel mit ganzseitigen und doppelseitigen fotografien. aufklappbare panoramen (61 – 24) bilden immer wieder visuelle höhepunkte. einer fotostrecke in farbe folgen duplexabbildungen und planzeichnungen. nach einem grafischen muster bauten die landschaftsarchitekten beispielsweise eine heidelandschaft um die allianz arena in münchen. die bucharchitekten präsentieren uns diese gebaute natur farbenprächtig auf einer doppelseite in 115 kleinsten fotografien plus bildlegende. wie es uns gefällt.

bei allem bilderreichtum kommen die textautoren nicht zu kurz. günther vogt stellt jeder typologischen struktur (landschaft, park, garten, friedhof etc.) einen einleitenden text voran. diese beiträge sind erhellend, unterhaltsam und machen an vielen stellen den leser klüger. die in das buch aufgenommenen projekte werden in einem typografischen plankopf (projektname, ort, zeitraum, bauherr, architekt, fläche) vorgestellt und in einer detaillierten beschreibung erläutert. text und bild leisten hier gemeinsame und sich ergänzende vermittlungsarbeit beim leser. so soll es sein.

„miniatur und panorama“ ist in einen blumentopffarbenen 170g starken schutzumschlag gehüllt. er schützt den braunen gewebeeinband und seine blindprägung. der lachsfarbene karton findet sich im innern des buches wieder. hier dient er als kapiteltrenner und als landschaft für eine dreidimensionale typografie: die finger fühlen die schrift, die augen lesen sie im spiel von licht und schatten der buchstellung zum leser. peter erni und lars müller haben mit diesen „wortfeldern“ ein schönes stück konkrete poesie geschaffen, meditative wortlandschaften entworfen. lesen sie diese worte leise murmelnd vor sich hin, wie es hugo von st. viktor seinen novizen im 12. jahrhundert ans herz legte. nutzen sie die zeilen „wie eine tonspur“, die sie mit dem mund aufnehmen um sie ihren eigenen ohren wiederzugeben. wie früher.

„miniatur und panorama“ lässt sich gebrauchen als reiseführer an die orte der gebauten landschaften (meine empfehlung ist das hotel greulich in zürich), als sinnenfreudiges biologiebuch für unterrichtsstunden mit der tochter („der birkenspanner, biston betularia, ist eine schmetterlingsart, die häufig in auen-, bruch- und laubmischwäldern zu finden ist.“), als diskussionsgrundlage für ein gespräch mit dem Gärtner in uns oder als geschenk für einen guten freund. obacht: wenn sie es verschenken wollen, kaufen sie zwei. eines werden sie sicher behalten wollen.


erstveröffentlichung in: „die schönsten deutschen bücher 2006“
katalog der stiftung buchkunst, frankfurt am main,
isbn 978-3-7657-2877-8
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victor malsy

von den letzten dingen
wehe dem, der aus der reihe tanzt. victor malsy über grabsteine, friedhöfe und fromme wünsche.


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„Um nach ihrem Ableben nicht in Vergessenheit zu geraten, wollen französische Rentner demnächst einen ,virtuellen Friedhof' im Internet eröffnen. Jeder könne dort noch vor seinem Tod einen ,elektronischen Grabstein' hinterlassen, sagte einer der Initiatoren, Jean Rollet, im ostfranzösischen Dijon. Dabei könne es sich um einfache Fotos, einen Familienstammbaum oder eine Videoaufnahme handeln. ,Viele Pensionäre wissen, daß sie Freunde hinterlassen, die manchmal über die ganze Welt verstreut sind', sagte der 70jährige am Wochenende. Diese hätten dann keine Gelegenheit, das tatsächliche Grab zu besuchen. Der, virtuelle Friedhof' soll ab Februar im World Wide Web zugänglich sein.“

Frankfurter Rundschau, 12.1.1997

gut, daß es sie noch gibt. Die alten historischen Friedhöfe. Beinahe sind es eigene Städte. Ohlsdorf und Melaten, Zentral oder Pere Lachaise – ich gehe da gern spazieren.


Grabsteine ziehen mich an. Die beidseitig bearbeiteten Brocken des Sankt-Clemens-Kirchhofs auf Amrum zum Beispiel, Gräber von Walfängern und Steuermännern. „Fahre, wer fahren will. Ich liege vor Anker und ruhe still.“ Matrosen und Kapitäne sind hier einträchtig nebeneinander beerdigt.


Auch für die schmiedeeisernen Kreuze auf alpenländischen Gottesäckern mit ihren Bildtafeln und derben Inschriften kann ich mich begeistern. „Hier liegt Johannes Weindl, er lebte wie ein Schweindl. Gsoffen hat er wia a Kuh, der Herr geb im die ewige Ruh.“ Ganze Schicksale werden lebendig. Doch vorbei sind die Zeiten, da Grabstätten aufwendig und phantasievoll gestaltet wurden. Die Steine sind verstummt. Das Grab ist genormt. Engel und Putten – das war einmal. Nehmen wir an, der virtuelle Friedhof setzte sich durch und der elektronische Grabstein wäre Standard, würden wir unsere modernen Begräbnisstätten mit ihren einfallslosen und eintönigen Grabsteinen dann wirklich vermissen?


Wohl kaum. Ödnis herrscht auf deutschen Friedhöfen, diesen schier endlosen Reihengrabfeldern mit ihren regelmäßigen Wegführungen. Verwaltungen und ein Gewerbe, das die Leichen im Griff und das Geld von Hinterbliebenen stets im Blick hat (Jahresumsatz der Bestattungsbranche ca. drei Milliarden Mark), sorgen mit detaillierten Vorschriften für Gleichmaß und Langeweile – Ruhe in Frieden, in Ordnung und Einfalt.


Und wehe dem, der aus der Reihe tanzt. Ein Plastikschild, für alle sichtbar ins Grab gesteckt brandmarkt den Schlendrian: ,,Diese Grabstätte befindet sich in einem ungepflegten Zustand. Wir bitten die Grabstätte innerhalb von 3 Monaten in Ordnung zu bringen, andernfalls erfolgt Einebnung. Grünflächenamt.“ Das sitzt.


Hier sind Pedanten am Werk. Eine „Grabmal- und Bepflanzungsordnung“ regelt Stand und Lage der letzten Dinge über der Erde. Die Richtlinien der freien und Hansestadt sind unerbittlich. Und penibel. ,,Findlinge und Spaltfelsen, deckende Farbanstriche in Inschriften und auf Oberflächen“ sind auf den Friedhöfen in Bremen „nicht erlaubt“. Alles ist genauestens festgelegt. ,,Über Art und Ausführung von Sonderformen entscheidet ,Stadtgrün Bremen’ nach Anhörung des Prüfungsausschusses für Grabgestaltung.“ Höchst- aber auch Mindestmaße der Grabsteine folgen strengen Vorgaben. Die Liste der zugelassenen Materialien ist nicht eben lang. Basalt-Lava und Bohus sind erlaubt. Glas und Hölzer fallen unter das Verdikt. Wo, frage ich, könnte meine tiefschwarz eingefaßte, schneeweiße Grabplatte mit signalrotem Betonquader (,,Beton: Es kommt 'drauf an, was man 'draus macht“) in hoffentlich ferner Zukunft zum Stehen kommen?

In Bayerns Hauptstadt geben sich die Ämter toleranter. Auf Münchner Friedhöfen ist bei der Grabgestaltung mehr möglich als im hohen Norden. Voraussetzung: Zu Lebzeiten wurde kräftig der Sparstrumpf gefüllt. Nur dann können Hinterbliebene und Freunde auf einem ungeschützten Friedhofsteil ein individuelles Denkmal für die Unsterblichkeit errichten lassen, denn Grabmäler unterliegen „hinsichtlich ihrer Gestaltung und Bearbeitung keinen besonderen Anforderungen“. Also: Ab nach München. Spätestens im Sarg oder in der Urne.


Erstveröffentlichung in: Form, Zeitschrift für Gestaltung, Heft 158, 2/1997, Seite 15.
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victor malsy

frage & antwort


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ihr werdegang


Wie sind Sie selbst zur Typografie gekommen? Was fasziniert Sie an Buchstaben?

Nach meinen Ausbildungen zum Bauzeichner & Krankenpfleger in Hessen zog es mich 1980 in die Fremde. 1982 begann ich mein Grafik-Design-Studium an der Hochschule für Künste Bremen und lernte die Typografie bei Eckhard Jung kennen. Mit seinem Lehrkonzept und seinen initiierten Studienprojekten wie dem dreieckigen Picasso-Buch „Was glauben Sie denn ist Picasso?“ und der Nicaragua-Ausstellung „No Pasaran“ weckte er in mir das Interesse für Buchstaben und typografische Gestaltung. In der Druckerei der Hochschule lernte ich die Satzherstellung an einer CRTronic von Linotype. Mein erstes konzipiertes, gestaltetes, gesetztes und realisiertes Buch „Eckbert Carge, Eulengeschrei. Gedichte“ – von der Stiftung Buchkunst zu einem der Schönsten Bücher des Jahrgangs 1984 gewählt – machte mir Mut, den typografischen Weg weiter zu gehen. Über Eckhard Jung lernte ich während meines Studiums Gestalterinnen & Gestalter wie Hans-Rudolf Lutz, Wim Crouwel, Helmut Schmidt Rhen, Wolfgang Weingart, Josef Müller-Brockmann, Lucia Moholy und Rolf Müller persönlich kennen. Diese Menschen haben Spuren bei mir hinterlassen.


Eckhard Jung und der Typografie verdanke ich einen neuen Zugang zur deutschen Sprache. Ich komme aus Froschhausen, einem kleinen hessischen Dorf. Der hessische Dialekt hat meine Sprache und mein Sprechen viele Jahre bestimmt. Unter wortgewandten Architekten und Ingenieuren in der Großstadt, während meiner Bauzeichnerlehre 1973, entwickelte ich ein gebrochenes Verhältnis zur deutschen Sprache. Meinen Dialekt empfand ich in jenen Jahren als Sprachbehinderung. In den Lehrveranstaltungen bei Eckhard Jung lernte ich die HfG Ulm, Otl Aicher und die Kleinschreibung kennen. Ich entdeckte, dass auch die Herren am Bauhaus die Kleinschreibung propagierten. Auf dieses Abenteuer wollte ich mich einlassen und begann alles klein zu schreiben. Bei diesem anfänglichen Spiel – jeder der es mal versucht hat weiss darum – bei diesem Spiel ist Aufmerksamkeit & Ausdauer gefragt. Immer wieder schleichen sich – aus Gewohnheit – Versalien in den Text ein. Diese Konzentration auf das bewusste Kleinschreiben führte mich zum bewussteren Lesen & Schreiben. Ich nahm die Buchstaben beim Wort. Ich fügte meiner Sprachbehinderung eine Schreibbehinderung zu und erlernte die deutsche Sprache ein zweites Mal. Minus mal minus gleich plus. Was meinen Deutschlehrern in der Volksschule nicht gelang, schaffte die Typografie. Mit der Liebe zu den Buchstaben erwachte auch die Liebe zur Sprache und zur Literatur.

 

Haben Sie Vorbilder (Personen oder typografische Schulen)?

Philipp Teufel ist mir seit vielen Jahren ein Vorbild in Sachen Ruhe & Gelassenheit.



Lehre an Ihrer Hochschule


Wie sieht die typografische Ausbildung an Ihrer Hochschule aus? Bitte beschreiben Sie kurz Ihr Lehrkonzept.

Wir nehmen an unserem Fachbereich Design in jedem Wintersemester 180 Studierende auf. Das ist ein schönes Sümmchen. Mit drei Kollegen unterrichte ich im Modul „Grundlagen Kommunikation“ das Fach „Schrift & Typografie“. Zwei Fachlehrer unterrichten im Modul „Technische Grundlagen“ die Inhalte „Satzgestaltung, Prepress & Print“. Für alle Studierenden sind diese beiden Fächer im 1. oder 2. Semester Pflichtveranstaltungen. Die typografische Ausbildung verläuft im Grundstudium also zweigleisig: 1. typografisch-ästhetische Grundlagenvermittlung in gestalterischen Seminaren, 2. typografisch-technische Grundlagenvermittlung in Seminaren und Werkstattkursen unserer Bleisatzwerkstatt. Dass die Lehrinhalte in beiden Modulen nicht trennscharf gezogen werden, versteht sich.


In meiner Lehrveranstaltung „Schrift & Typografie“ führe ich in die mikro- und makroästhetischen Grundlagen der Typografie ein. Typografische Gestaltung und der Umgang mit Schrift sollen als wesentliche Bestandteile visueller Botschaften verstanden werden. Typografische Regeln und die Entwicklungsgeschichte der Schrift werden von mir vorgestellt und mit den Studierenden diskutiert.


Ausgehend von der kleinsten typografischen Einheit dem Buchstaben über das Wort, den Satz bis hin zu einfachen Layoutkompositionen mit Text & Bild wird das typografische Spektrum kennen gelernt und durch das Lösen modellhafter, praktischer Übungen von den Studierenden erprobt. Für die einzelnen Übungen sollen serielle Lösungen gesucht werden, keine Einzellösungen. Die Gestaltung einer Serie schult das konzeptionelle Denken. Studierende lernen, dass typografische Gestaltung mit Kopf, Hand & Herz zu tun hat. Selten mit dem Bauch.


Grundlegende gestalterische Fragestellungen wie Bewegung, Fläche, Gliederung, Kontrast, Proportion, Rhythmus, Variation, Zufall werden anhand der Übungen verglichen und besprochen. Die experimentellen Übungen werden von jedem Studierenden in einer A5-Broschüre dokumentiert.


Mit meinen Vorgaben für diese experimentellen Übungen beschreibe ich einen, für die Studierenden zu Beginn ihres Studiums, scheinbar engen Laufstall, innerhalb dessen sie sich bewegen dürfen: Format A5; Schrift Univers; Schriftgrössen sind bewusst, der Aufgabenstellung entsprechend, zu wählen; Farbe Schwarz.


Wie werden Theorie und Praxis in Ihrem Lehrkonzept integriert?

Meine Lehrveranstaltungen gliedern sich in drei Teile:
1. Vorstellen der typografischen Grundlagen in Text & Bild (mit dem Hinweis, dass in der Typografie nichts feststeht, dass wir in der Typografie nicht auf Naturgesetze bauen können wie Physiker oder Biologen) mit einem Blick auf die Entwicklungsgeschichte der Schrift und ihre Buchstabenformen
2. Kurzreferate der Studierenden über ausgewählte Gestalterinnen und Gestalter der Vergangenheit und Gegenwart
3. Werkstattgespräche über die vorgelegten Entwürfe, über das Schrittweise suchen nach Lösungen, über die Merkmale einer Serie, über mögliche Stärken und Schwächen der Lösungen im Vergleich zu anderen Entwürfen etc.


Nach den Kurzreferaten werden häufig Fragen zum Wie & Warum & Wann eines Entwurfs oder einer Person gestellt. Die Machart wird ebenso neugierig befragt, wie die zeitgeschichtliche Einordnung einer gestalterischen Arbeit. Mit Büchern und Drucksachen aus meiner Privatbibliothek vertiefe ich diese Fragestellungen und gebe den Studierenden so einen Einblick in die Geschichte der Gestaltung und der typografischen Gestaltung im Speziellen.


Ist es Ihrer Meinung nach wichtig, dass Studierende auch „alte“ Methoden der typografischen Gestaltung erlernen, wie z. B. Bleisatz?

Die heutige Generation hat erstmals die Möglichkeit ‚alte‘ und ‚neue‘ typografische Satztechniken sinnstiftend miteinander zu verbinden. Das ist hervorragend. Computer sind heute keine Sensationsmaschinen mehr, was sie gegen Ende meines Studiums noch waren. Damals, Mitte der 1980er Jahre, begannen wir im Sandkasten der neuen typografischen Möglichkeiten mit den Typoförmchen zu spielen. Rundsatz, wilde Schriftmischungen und ornamentale Zeichen-Setzung mit Dingbats, bestimmten den Alltag. Das war gut & notwendig für die kindliche Entwicklung. Heute wird der Computer wie selbstverständlich als Werkzeug und Instrument der Satzgestaltung benutzt. Die Aufgeregtheit der ersten Tage ist einer sachdienlichen Betrachtung gewichen. Das tut der Entwurfsarbeit sehr gut.


Welche aktuellen Bücher würden Sie Studierenden empfehlen? Was haben Sie selbst zuletzt gelesen?

Es gibt Bücher, die auch viele Jahre nach ihrem Erscheinen nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Ich lese deshalb immer wieder – und empfehle sie auch meinen Studierenden wärmstens – die alten Schinken. Zu meinen wichtigen Typografiebüchern zählen: Typographie von Emil Ruder, Ausbildung in typografischer Gestaltung und Typoundso von Hans-Rudolf Lutz, Kompendium für Alphabeten und Programme entwerfen von Karl Gerstner, Wege zur Typographie von Wolfgang Weingart und typography today von Helmut Schmid.


Petra Eisele und Isabel Naegele – institut designlabor gutenberg, Fachhochschule Mainz – haben 2012 ein ganz famoses Buch auf den Tisch gelegt: ‚Texte zur Typografie. Positionen zur Schrift‘. Lesehungrige werden sich in den ‚222 wichtigsten Texten, Thesen und Manifeste zum Thema Schrift‘ verlieren.


Ich lese meist mehrere Bücher parallel. Belletristik, Sach- und Fachbücher, Prosa. Ein aufwühlendes Buch war im letzten Jahr Adolfo Kaminsky. Ein Fälscherleben von Sarah Kaminsky. Ein in jeder Hinsicht (Übersetzung: Albrecht Fabri, Einbandentwurf: Hannes Jähn, 1958) unterhaltsames Buch ist mir seit 14 Jahren immer wieder Greguerias von Ramon Gomez de la Serna. Und dann sind noch diese Bücher zu nennen: Ich grase meine Gehirnwiese ab Paul Valéry und seine verborgenen Cahiers; Die Moselreise von Hanns-Josef Ortheil; Karl Huß der empfindsame Henker von Hazel Rosenstrauch; Structure and Substance von Ken Garland; Kwadraat-Bladen a series of graphic experiments 1955–1974; Japan japanisch – Die leise Schönheit japanischer Dinge von Helmut Schmid; Empty Mind von John Cage; Lieber barfuss als ohne Buch von Beat Mazenauer und Gina Bucher herausgegeben.


Wie gelingt es Ihnen Ihre Studierenden für Typografie zu begeistern?

Ich weiss nicht, ob es mir gelingt. Ich hoffe es. Ich gehe mit Neugierde & Engagement in den Unterricht und hoffe, dass meine Neugierde & mein Engagement auf die Studierenden überspringen. An manchen Tagen bin ich allerdings auch mal wirr im Kopf.



Typografie & Gesellschaft


Welchen Einfluss hat Typografie Ihrer Meinung nach auf die Gesellschaft?

„Das ist eine sehr gute Frage. Ich möchte sie nicht durch eine Antwort verderben.“ würde John Cage antworten.


Wie verändert sich Typografie im Zuge von Globalisierung und Multikulturalisierung? Ist „Multilinguale Typografie“ Ihrer Meinung nach ein Thema, welches mit den Studierenden diskutiert werden sollte?

Für „Multilinguale Typografie“ finden sich hervorragende Beispiele, über die ich mit Studierenden spreche:


Japan: Helmut Schmid gelingt auf seinen medizinischen Verpackungen für Otsuka Pharmaceuticals 1980 eine für Verbraucher sinnvolle, weil hilfreiche Verbindung japanischer Schriftzeichen mit lateinischen Schriftzeichen durch eine konsequente Gliederung der Produktinformation in horizontal oder vertikal ausgerichtete Informationsfelder. Seine eigens dafür entworfene Silbenschrift ‚Katakana Eru‘ stellt sich harmonisch zu den lateinischen Buchstaben in der Schrift Univers von Adrian Frutiger.


Iran: Im Persischen werden die Schriftzeichen zu einem Wort miteinander verbunden. Die kleinste Einheit in der iranischen Schrift ist also das Wort und nicht ein einzelnes Zeichen. Reza Abedini nutzt auf seinen Plakaten das arabisch-persische Schriftsystem in Verbindung mit lateinischen Schriftzeichen für komplexe Bild-Zeichenkompositionen.


Süd-Korea: Ahn Sang-Soo, Gutenberg-Preisträger der Stadt Leipzig 2007 und Erneuerer der koreanischen Hangul-Schrift, gestaltet spielerisch minimalistisch mit koreanischen und lateinischen Schriftzeichen Plakate und Bücher. Selten wird die Reduktion so weit getrieben, dass sich die Leere schämt.


Studierende gehen oft für ein oder auch zwei Semester ins Ausland. Oder sie erinnern sich ihrer familiären Wurzeln und ihrer kulturellen Herkunft und reisen in das Land ihrer Eltern und Großeltern. Oder sie haben einfach Lust ein fremdes, fernes Land zu entdecken. Maria Kiseleva und Carola Rentz starteten 2005 das Format der „Designreportage“ als Diplomarbeit. Auf ihren Reisen nach Moskau und Barcelona suchten sie nicht nur die Design-Stars und Typo-Gurus von gestern und heute auf. Ihr poetischer Blick richtete sich auf alltägliche Details fern jeder Selbstinszenierung. Sie suchten einen kritischen Dialog mit den Designern, sie reflektierten über Design und Designgeschichte im Kontext des Landes. Auf Maria Kiseleva und Carola Rentz folgten bis heute: Marika Molter, Andreas Conradi, Wahideh Abdolvahab, Andrean Nechev, Michaela Malecic, André Konrad, Sara-Lena Göbel, Daniel Bolay, Anastasios Koupantsis, Alexandros Michalakopoulos, Marvin Hüttermann, Patrick Mariathasan und Philip Lammert. Ihre bisher vorgelegten Designreportagen – Bücher im Umfang zwischen 450 und 600 Seiten – sind zweisprachig. Sie führten vor Ort Interviews, erfassten und transkribierten Texte, filmten, sammelten und ordneten Material, und fotografierten. Am Ende konzipierten und gestalteten sie ihre Reportage über: Moskau, Barcelona, Australien, Brasilien, Tehran, Bulgarien, Kroatien, Skandinavien, Argentinien, Griechenland, Sri Lanka und Mexiko.


Wie bereiten Sie Ihre Studierenden auf den Alltag als Profis vor?

Ich hoffe durch eine solide und fundierte Lehre, die Theorie und Praxis, die Denken & Machen miteinander verbindet. Auf die Reise in den Arbeitsalltag gebe ich Studierenden Altersweisheiten mit wie diese:


Akzeptiert nicht, was euch eure Auftraggeber als Aufgabe formulieren. Hinterfragt deren Problembeschreibung. Seid engagiert & neugierig bei der Arbeit. Nehmt eure Arbeit wichtig & ernst, aber haltet euch nicht für den Nabel der Welt. Entwerft mit Kopf, Hand & Herz. Füllt euren Bauch mit gutem Essen & Trinken, aber gestaltet nicht aus dem Bauch heraus. Sucht euch von Zeit zu Zeit einen Hochstand und schaut auf eine Lichtung oder fahrt nach Kyoto, setzt euch in den Zen-Garten Ryoanji und zählt die Steine.


13.01.2013
Erstveröffentlichung in:
Andrea Schmidt, Patrick Marc Sommer (Hrsg.): typoversity.Projekte und Diskurse zur typografischen Ausbildung an Hochschulen. Norman Beckmann Verlag, Hamburg 2013,
ISBN 978-3-939028-35-2, S. 202–204.
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victor malsy

gestaltung als dauerlauf
ein briefwechsel mit christof gassner


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christof gassner war mit gründung des 'öko-test magazins' 1985 verantwortlich für das gestalterische konzept und die gestaltung der einzelnen hefte. 1994 veröffentlichte er das buch "alltag, ökologie, design. umweltzeitschriften gestalten." darin stellte christof gassner ausführlich die visuelle sprache des magazins mit seinen elementaren bausteinen farbe, zeichen, typografie, illustration und fotografie vor. der verlag wünschte sich für das buch einen beitrag, der über die gestalterische arbeit von christof gassner jenseits von 'öko-test' berichtete. ich schlug ihm vor, einen briefwechsel zu führen und ihn zu themen der gestaltung und seiner ausbildung in zürich zu befragen. er willigte ein. die folgenden briefe, diese „kurzen schriften“, waren also von anfang an zur veröffentlichung bestimmt und schauten in richtung leserin und leser eines buches. die briefe christof gassners sind im buch nachzulesen.


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bremen, 10.05.1994

guten tag,
lieber christof gassner.


bremen hat wenige sonnentage. heute war einer dieser seltenen tage. mit dem rad fuhr ich ins grüne, legte in der „moorlosen kirche“ [einem gasthaus mit terrasse und weserblick] eine rast ein und notierte mir einige gedanken für diesen brief an sie.


dieser brief will ein vorschlag für einen beitrag in ihrem buch sein und gleichzeitig ist er ein überfall. denn als text „über christof gassner“ möchte ich ihnen einen briefwechsel vorschlagen.


über sie in einem buch zu schreiben fordert geradezu eine nicht alltägliche form heraus. gewichtige grafische analysen, bezüge zu anderen gestaltern und einordnungen in stile und strömungen, die in manch stillem kämmerlein entstanden, sind doch all zu oft blutleer und damit nur gähnend zu lesen. für leserinnen und leser dürfte unser gedanken- und bilderaustausch über ihre visuelle sprache, ihre arbeit an und für öko-test, über ihre vorbilder und schreckensmänner der gestaltung in briefen unterhaltsamer und ergiebiger sein. und mir wäre es eine freudigere arbeit mit ihnen über sie zu schreiben als mit mir alleine.


eine andere lebendige form wäre das gespräch, aber es wäre aufwendiger. es müsste abgeschrieben, überarbeitet und korrigiert werden. briefe schreibt man wohlüberlegt. und wir hätten sie in unseren heimischen pc’s gespeichert. [was handgeschriebene botschaften nicht ausschliessen soll.]


lieber christof gassner, was sagen sie dazu ? es ist ein überfall, ich gestehe es. denn sie hätten damit zusätzliche arbeit. und die andere frage: macht der verlag das mit ?


ich grüsse sie herzlich
victor malsy



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bremen, 23.05.1994

guten tag,
lieber christof gassner.


ihren brief und ihre bedenken haben mich noch in der alten wohnung erreicht. schönen dank. mit diesem brief kommt ihnen meine neue adresse, telefon- und faxnummer ins haus. gültig ab 30. mai 94.


vor meinem umzug, zwischen gepackten kisten und abgehängten bildern, will ich ihnen zu einem punkt ihres briefes kurz schreiben: ich möchte mit ihnen keinen briefwechsel über das öko-test magazin führen. christof gassner ist mehr als öko-test und das sollten die leserinnen und leser des buches in bild und wort von ihnen und mir erfahren. in einem briefwechsel ginge es um einschätzungen und fragen die ihr gesamtes bisheriges werk betreffen. zur sprache kommen könnte zum beispiel auch ihre auffassung von lehre, eine betrachtung anderer unterrichtskonzepte. und die frage nach ihren schreckensmännern der gestaltung klang im letzten brief bereits an.


lieber christof gassner,
ich grüsse sie herzlich
victor malsy



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bremen, 03.07.1994

guten tag,
lieber christof gassner.


„wenn eine april greiman den new wave als ‘für leute mit gesundem visuellen appetit’ anpreist, dann möchte ich antworten, danke, ich habe gegessen.“ so kommentierte helmut schmid in einem brief an wolfgang weingart den, in den 80er jahren aus den usa auch nach deutschland überschwappenden new wave mit seinen lifestyle magazinen.


erinnere ich diese jahre, mutet das Öko-Test-Magazin wie ein fels in der brandung an. in diese beginnende zeit der verbalen und visuellen umweltverschmutzung setzten sie [mit redaktion und verlag] eine zeitschrift mit inhalten, journalistischem anspruch und einem eigenständigen, unverwechselbaren visuellen auftritt. das war nun in den 80er jahren völliger nonsens. auf den zeitschriftenmarkt wurde geworfen was wavig war, denn nach solchen knochen schnappte die mehrheit. in dieser zeit gründen sie ein magazin für eine minderheit, können gar nicht so recht einschätzen, ob die öko-bewegung mit ihrem „Müsli-Design“ das magazin überhaupt annehmen wird. und dann starten sie dies projekt auch noch ohne finanzielle unterstützung. bewundernswert für die einen, naiv für die anderen. herr gassner, woher hatten sie soviel idealismus ? und woher die kraft, ausdauer und energie solch ein projekt durchzustehen ? ich muss mich korrigieren, es war eine haltung. eine haltung gegenüber gesellschaftlichen verhältnissen und gegenüber design. und diese haltung vertreten sie vermutlich heute noch. oder ?


ich grüsse sie herzlich
victor malsy



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bremen, 14.07.1994

lieber christof gassner.


ja, ja, das munkelt man auch unter kolleginnen und kollegen: der gassner ist ein stiller, zurückhaltender aber hartnäckiger vertreter unseres fachs. mitunter ein zäher bursche. ob allerdings mit „grafischer fundamentalist“ ihre position zur gestaltung treffend bezeichnet ist ? dem begriff haftet etwas negatives an, ein schwarz / weiss denken. er spiegelt eine eingeschränkte sichtweise auf die dinge und aus angst vor veränderungen ein beharren auf einmal gefundene grundsätze. komme was da wolle.


solch engen blick vermute ich bei ihnen nicht, denn ihre gestaltung strahlt experimentierfreunde aus. zum beispiel im umgang mit sprache und deren visueller übersetzung. herr gassner, wer hat ihnen das lesen beigebracht und wer hat ihren blick geschärft ? ihr züricher lehrer josef müller-brockmann war sicher eine wichtige figur, aber da dürfte es auf ihrem gestalterischen weg von der „baumaschinen ag zürich“ 1962 bis zur „Kieler Woche“ 1993 noch andere gestalten gegeben haben. welchen schreckensmännern sind sie begegnet ?


ihre anzeigengestaltung für die „baumaschinen ag“ ruft bei mir bilder und namen der konkreten poesie wach. ich erinnere da heissenbüttel, mon, gomringer, gappmayr und das motto der konkreten: ökonomie in der information. dieser ökonomie in der information, die anzeigentexte lesen sich wie konkrete poesie, stellen sie eine ökonomie in der visuellen umsetzung zur seite: eine schrift, eine schriftgrösse, die zeilen nach inhalten linksbündig umbrochen und für das zusammenspiel von text und bild ein programm entwerfen [bei „programme entwerfen“ muss natürlich der name karl gerstner fallen]. die ausdrucksmittel sind reduziert, in wort, text und bild ist im sinne eines verfremdens, zerschneidens, montierens nicht eingegriffen. worte und buchstaben sind in ihrer gestalt fast unberührt. fast, denn sie greifen ein, sie schreiben alle worte klein. [war das der grund für den kunden die entwürfe abzulehnen ?]


im öko-test-heft „Gentechnologie“ gehen sie einige schritte weiter. hier führt sie ihr spieltrieb zu immer neuen kombinationen von sprach- und schriftzeichen. vertraute worte werden zerlegt, lautfolgen und -kombinationen finden in schriftzeichen ihre gestalt: „Al“, „fa“, Zu“, „bet“, „kunft“, „Algenfatechzugie“, „Fallaktor“, „Hurtschaft“, „Gene Rügen Grüne“. und der „Gentechnologie“ entlocken sie ein „no“. indem sie worte in ihre elementaren bestandteile, die buchstaben, zerlegen, hinterfragen sie das scheinbar selbstverständliche und oft gegenstandslos gewordene der sprache. die buchstaben zeigen ihre gestalt und werden beim wort genommen. auch ihre 60 variationen zum thema „TEST“, das plakat „Nord Süd“, die arbeiten für „Schauspiele im Fernsehen“ und „Fernseh-Kulturprogramme“ gehören hierzu.


buchstaben lesen, worten auf den grund gehen: wie ein roter faden durchzieht dieses gestalten mit und in der sprache, als sprechen verstanden, ihre arbeiten.


ich grüsse sie herzlich
victor malsy



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bremen, 22.07.1994

lieber christof gassner.


müller-brockmann, käch, gerstner, lubalin: gegensätzlicheren figuren kann man auf unserem gestalterischen weg nicht begegnen. und vermutlich konnte das auch nur ein hartnäckiger bursche wie sie unbeschadet überstehen. als ich den namen lubalin las, sträubten sich mir erstmal die haare. bin dann wohl doch ein kleiner gralshüter, denn mir ist lubalin ein grosser aufgeregter für den im land der unbegrenzten unmöglichkeiten alles möglich schien.


aber zu einem anderen punkt ihres letzten briefes. sie schreiben, „daß manche Linke, wenn sie erst einmal auf den rechten Marketing-Trip gekommen sind, die ... Notwendigkeiten des Marktes ... verinnerlichen, daß einem Hören und Sehen vergehen kann.“ was heist das ? hat das alternative projekt öko-test mit seiner spezifischen gestaltung in manch linken köpfen die denkrichtung dahingehend verändert, dass gestaltete medien [ vom briefbogen über plakat bis zum magazin] sehr wohl etwas mit inhalten zu tuen haben können ? oder nutzen auch diese köpfe gestaltung überwiegend als mittel zur oberflächenkosmetik ?


ich grüsse sie herzlich
victor malsy



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bremen, 09.08.1994

„Für den Optimisten ist das Leben kein Problem, sondern bereits die Lösung.“ marcel pagnol


lieber christof gassner.


ich zähle mich zu den grenzenlosen optimisten, gestehe, dass ich die welt von zeit zu zeit in diesem sinne lese. so auch ihren begriff vom „auslaufenden Modell“ zeitschriften zu gestalten: ihr modell läuft aus, verlässt den väterlichen hafen und geht auf grosse fahrt. sie, christof gassner tragen also hoffnung in sich. welches modell liegt zur zeit auf kiel ?


seit 1986 sind sie professor für entwurf und typografie zuerst in darmstadt, seit 1992 in kassel. da brauchs wohl auch viel zuversicht und hoffnung. nun kann ich sie mir beim besten willen nicht als unerbittlichen apologeten vorstellen, der vom katheter rezepte für erfolgreiches gestalten verkündet. der gar einen stil, ein strickmuster lehrt, bei dessen anwendung ein design-, kommunikationsoder typografiepreis winkt. wie halten sie’s als lehrer ? wie halten sie es mit der orientierung für studentinnen und studenten in unserem fach ? mancher lehrer versteht seine aufgabe zu orientieren als kategorischen imperativ. er predigt regeln und übergeht geflissentlich, dass es sich bei manchen fakten doch nur um seine eigene meinung handelt, um seinen „guten geschmack“.


vor bald 20 jahren schrieb peter von kornatzki über den damaligen zustand der typografie: „Sie [die typografie] ist zwar weniger denn je eine Gebrauchskunst. Dafür aber steht ihr Gebrauchswert hoch im Kurs. Die Typografie lebt! Sie nimmt sich heute vielleicht nicht mehr so wichtig wie vor 10 oder 20 Jahren, versteht sich weniger als Bild, tritt hinter den Text zurück. Trotzdem ist sie noch immer ein wichtiger Teil ‘visueller Kommunikation’.“


hat sich dieser zustand nicht grundlegend verändert ? die typografie der letzten jahre hat sich zur gebrauchskunst gemausert und ihr gebrauchswert wird vielerorts an den preisen und anerkennungen gemessen, die sie erlangt. für manchen gestalter sind wettbewerbe zu den eigentlichen auftraggebern geworden und zum massstab für eine gelungene gestaltungspraxis. die heutige typografie nimmt sich wichtiger denn je und ihre funktion, visuell zu kommunizieren, tritt immer häufiger hinter ihren unterhaltungswert zurück. seit design zum „wirtschaftsfaktor“ mutiert ist, betreiben auch unternehmen dieses unterhaltungsspiel munter mit.


ich grüsse sie herzlich
victor malsy


ps: zu unsrem „fall“ lubalin: ja, er war rege. es ist ein salomonisches urteil.



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bremen, 13.08.1994


lieber christof gassner.


hier kommt ihnen nun die diskette mit den briefen ins haus. ich hoffe, sie sind mit unserem gedankenaustausch zufrieden, wie es der verleger ist.


können sie mit meinem wunsch nach kleinschreibung leben ?


im ersten brief habe ich die etwas schwerfälligen, einleitenden worte gestrichen. der brief beginnt nun mit dem schmid-zitat. sollte ihnen noch etwas auf- und einfallen, lassen sie es mich wissen. ihre dias lege ich ihnen auch bei. sie werden vielleicht für's buch gebraucht.


ich grüsse sie herzlich
victor malsy



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die briefe sind – zusammen mit christof gassners antworten – erstmals 1994 unter dem titel „gestaltung als dauerlauf“ im buch „Christof Gassner: Alltag, Ökologie, Design. Umweltzeitschriften gestalten“ erschienen.
verlag hermann schmidt mainz, isbn 3-87439-308-9

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